Montag, 25. August 2008

So nah, so fern

Manchmal passiert es, dass ich Menschen wiedertreffe, die ich mit etwas besonderem Verbinde.
Und sobald die erste Distanz der Scham überwunden ist, die sich in der Zeit aufgebaut hat, die man kein Wort miteinander gewechselt hatte, scheint es so, als sei die gute alte Zeit nie lebendiger gewesen.

So war es auch vergangenes Wochenende.
Ich kann nicht sagen wie lange es her ist, dass ich mehr als einen Satz mit meinem Cousin aus Hessen gesprochen habe. Das war mal anders. Wie zu einem großen Bruder habe ich zu ihm aufgesehen und mich über seine Blödeleien scheckig gelacht. Da war ich zwischen 5 und 12.
Ganze Ferien hab ich bei ihm verbracht, 300 km von meinen Eltern entfernt.
Damals war das keine Distanz.
Jetzt, wo ich ein Auto besitze und Geld habe um aus eigenen Stücken dort hinzureisen, habe ich bisher keinen Gedanken daran gehegt.
Schade.
Bis eben zu diesem Wochenende. Zu dem 50. Geburtstag meines Onkels haben wir uns wiedergesehen. Aus dem kleinen Jungen iste ein mittelgroßer Mann geworden. Die Haare sind länger und nach hinten gekämmt, der Bart ergänzt das Gesammtbild eines kleinen Mafioso. Die Zeit scheint wie verflogen und ich fühle mich für einen Augenblick alt.
Seine Stimme ist tiefer, aber der sarkastische Witz ist geblieben. Und genau dieser bricht das Eis.
Wir reden über Gott und die Welt, meine Fußverletzung und bedeutende Lieder.
Er ist wieder mein großer Bruder zu dem ich aufsehen kann und der mir was von der Welt erzählen kann, die mir bisher fremd blieb.
Wir lachen viel und der Abend ist viel zu schnell vorbei.

Wenn ein Mensch einem so viel Freude bescheren kann, warum verbringt man dann mit demselben so wenig Zeit - in einem Zeitalter in dem tausende Kilometer ein Katzensprung sind -
und vergräbt sich lieber in den verwirrenden und zehrenden Freundschaften vor Ort?

Ist der Mensch masochist?
Oder einfach nur vergesslich?
Verblassen gute Erinnerungen in unserem alltäglichen Selbstmitleid?

Man kennt das ja - schnell sagt man :
"Wir müssen uns umbedingt wieder treffen!"
oder
"Ich melde mich!"
Und am Ende vergeht wieder eben genau diese entfremdende Zeit, in der man die Freude verdrängt, die man zuvor noch so intensiv mit dieser Person erlebt hat.

Genau mit diesem Versprechen haben wir wieder 300 km zwischen uns gebracht:
"Wir müssen uns öfter sehen."

Ob es mir diesmal gelingt, einen wichtigen Menschen zu halten und mein Leben mit einem weiteren Stück Vertrautheit und Freunde zu füllen, muss sich wohl zeigen.
Wie sagt man so schön: der Geist ist willig - doch das Fleisch ...

2 Kommentare:

Anna hat gesagt…

Was für vertraute Situationen und Gedanken. Grade Menschen, die weit entfrend wohnen stehen einem manchmal so viel näher als das alltägliche Volk um einen herum.
Beruhigend jemanden zu kennen, der genauso inkonsequent ist und sich eher mit dem "zufrieden" gibt, was ihm vorgesetzt wird, als nach mehr zu suchen.. Und gleichzeitig erschreckend..

Grüße!

Nele hat gesagt…

Leider wahr. Ist es nicht komisch, dass unser Streben immer das Glück ist und wir die Bequemlichkeit der greifbaren Erfüllung dessen vorziehen??